flyBB Logo

Mission Natur

„Der Horst ist nicht weit von hier. Die Adler wissen aber sehr genau, dass wir mit unseren Flugzeugen zwar fliegen, jedoch keine Federn haben. Adler sind so kluge Tiere. Die sind für die Allgemeine Luftfahrt wirklich keine Gefahr.“ Es klingt fast zärtlich, wie Amelie von den Fischadlern spricht.

Ein Paar nistet seit dem Frühsommer zwischen Strausberg und der Autobahn Berlin-Frankfurt/Oder. Wo genau? Das verrät Amelie natürlich nicht. „Es könnten sich Nesträuber einfinden und die Eier oder Jungvögel aus dem Gelege holen“, sagt die 42-jährige Industriedesignerin, die sich als Fliegerin die Pflege der Natur ganz oben auf ihre Liste gesetzt hat. „Wer segelfliegt, lernt ganz von selbst, die Natur zu lieben“, sagt die Mutter zweier Töchter, die ebenfalls Segel-Kunstflug betreiben.

Als Privatpilotin fliegt Amelie sowohl Flugzeuge ohne als auch mit Motoren. Oft auch mit Gästen. „Zum Beispiel mit Offizieren der Akademie für Information in Strausberg, wenn die mal raus wollen aus ihrem zweidimensionalen Alltagstrott“, lacht die charmante Brünette mit Schalk in den Augen. Amelie betreibt die Fliegerei, wie alles in ihrem Leben, leidenschaftlich. Dass davon die Natur in Brandenburg profitiert, ist ihr seit früher Kindheit ein großes Anliegen.

„Natürlich weiß ich von den umfangreichen Papieren, in denen sich die Experten Gedanken um Luftfahrt und Naturschutz machen“, sagt sie und zeigt auf eine dicke Akte neben dem Sofa. „Teilweise habe ich zu solchen Unterlagen selbst Beobachtungen beigetragen. Gerade darum weiß ich auch, dass viele Untersuchungen für die Natur überhaupt nicht bis marginal von Bedeutung sind: Sie werden allein für die Beruhigung der Öffentlichkeit verfasst. Tatsächlich jedoch wäre es bei besserer Kommunikation gar nicht nötig, die Öffentlichkeit zu beruhigen.

Denn kaum jemand, der die Natur so nutzt wie wir Privatflieger, achtet mehr darauf, die Ressourcen unserer Umwelt zu schonen, zu hegen und zu pflegen.“ Die Mutter lächelt. „Ja, es ist tatsächlich so, die Überdüngung der Landwirtschaft, der Verkehr der Berufsschifffahrt auf Havel, Spree und Dahme, jeder Autofahrer und viele Sportler unterschiedlichster Disziplinen, die sich dessen gar nicht bewusst sind, bringen mehr Natur durcheinander als die so oft und so substanzarm angegriffenen Flieger, die sich wirklich häufig ganz bewusst mit dem Erhalt und der Schönheit auseinandersetzen, wie wir sie in und um die reichen Wälder mit ihrer Fauna und Flora in Brandenburg haben.“

Auch darauf ist Amelie stolz: Ihr Freund arbeitet seit vier Jahren in einer Kooperation zwischen dem Landesumweltamt Brandenburg und dem Landesluftsportverband Brandenburg e.V. sowie diversen Partnern aus Naturschutz und Luftfahrt daran, Konflikte zwischen der Allgemeinen Luftfahrt und dem Vogelschutz zu „verorten“ und Lösungen zu erarbeiten. Auch er kommt wenige Minuten später zu unserem Gettogether auf die Terrasse über dem Walddach, das den Straussee bei Strausberg umgibt, erzählt:

Es gibt eine Naturschutzkarte für Piloten, die vom Landesumweltamt Brandenburg herausgegeben wird. An den unterschiedlichen Flugplätzen im Land gibt es regionale Kooperationen der Flieger mit den Naturschutzverwaltern aus Regierung und privaten Organisationen. „Während der Zeit des Vogelflugs kann es schon mal zu Gefährdungen kommen – für beide Seiten“, weiß Herbert. „Allerdings eher mit Piloten respektive Besuchern von auswärts, die sich zuvor nicht über die Vogelzüge informiert haben.“

Trotzdem nehmen die Mitarbeiter der Brandenburger Flugplätze auch diese wenigen Fälle pro Jahr sehr ernst. „Jeder einzelne wird genauestens analysiert“, sagt Herbert. Und in der Pilotenausbildung ebenso wie in der Weiterbildung ist die Vogelschlagprävention ein wichtiger Ausbildungsfaktor.
Herbert fügt hinzu: „Wie Amelie immer sagt: Jeder Landwirt, der seine Scholle überdüngt, jeder Mähdrescher, der durch die Wiesen ackert, jeder Windmühle stellt für die Tierwelt Brandenburgs eine größere Gefahr dar.“ Ob Großtrappenschutz – seit Ende der 90er Jahre ein landesweites Projekt – ob Zugvogelrastzentren, ob Schutz von Feuchtgebieten vor Lärm und weiteren Belastungen – die Drei tun alles Mögliche, um bei den Menschen das Bewusstsein für den Wert der Erhaltung von Arten, Landschaften und den unterschiedlichen Naturräumen zu schärfen.

Herbert zieht ein Blatt heraus, auf dem der „Verhaltenskodex der Luftsportler“ auf einer Seite zusammengefasst wurde. „Die Grundsätze sind heute in den Köpfen der Piloten so gegenwärtig wie die Verantwortung um die Maschine und die Fluggäste.“ Das ist vielleicht die schönste Nachricht zum Thema Umwelt und Fliegerei. Die Natur in Brandenburg profitiert durch solche Menschen.

Am Horizont, unweit der Datsche von Amelie und Herbert, blitzt der Wasserspiegel des Straussees in der aufgehenden Sonne. Es ist früher Morgen, die Nebel über dem See ziehen sich in Schleiern unter den Baumkronen ins dichte Geäst des Mischwaldes am Strausberger Stadtrand.

Am Himmel hören wir ein weit tragendes Pfeifen über die blinkende Seeoberfläche herüberschallen. Ein großer, schlanker Greifvogel zieht seine Bahn. Das Fischadlerweibchen hält seine Beute, einen kleinen Fisch, mit den hakigen Krallen gut fest – die Brut braucht die frische Mahlzeit. Nein, dieser Flieger darf nicht aussterben. Schön, dass er in Brandenburg wieder Fuß gefasst hat – und gut geschützt wird.