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Auf gute Nachbarschaft

Fast alle Flugplätze der Metropolregion und alle Flieger werden sich neu orientieren müssen, sobald die neuen Flugrouten unwiderruflich sind, die dem an- und abfliegenden Verkehr aus BER sichere Korridore zuweisen, die deutlich großzügiger bemessen sind als in der Vergangenheit. Es wird über einigen Orten lauter zugehen als über anderen. Sicher führt auch das zu Differenzen. Es gibt allerdings auch Flugplätze, die Vorteile aus den zukünftigen Luftraumstrukturen ziehen. Die Privat-, Sport- und Verkehrsflieger, die die Plätze im Norden nutzen, dürfen nach Schließung von Tegel höher hinaus. Die im Süden nicht – oder zumindest unter stark veränderten Bedingungen.
 
 
Sichtbarstes Zeichen:
Dem nächstgelegenen Platz von Berlin, Saarmund, wird der „Deckel“ noch tiefer gesetzt. Vor allem für Segelflieger ein Problem: Sie dürfen dann nicht mehr höher als 2.000 Fuß (ca. 600 Meter) fliegen – also ist Streckenflug quasi nicht mehr möglich, denn die nötige Höhe, um vom Platz wegfliegen zu können, kann man über Saarmund praktisch nicht mehr erreichen.
 
 
In Bienenfarm, Finow und Ruppiner Land ändert es sich zum Positiven. Einen „Deckel“ – wie bishlang – wird es in der neuen Luftraumstruktur für diese Plätze nicht mehr geben und der Himmel ist nach oben offen. Das macht besonders die Fallschirmspringer und Segelflieger glücklich. Fragen dagegen gibt es in Eggersdorf, Neuhardenberg, Strausberg, Schönhagen, Saarmund. Wie wird die neue Luftraumstruktur in den Flugbetrieb eingreifen, auf den man sich eingerichtet hat? Und wie werden Änderungen des Flugbetriebs von den Anwohnern der Flugplätze aufgefasst? Das sind die Themen, die alle diskutieren.
 
 
Für eine gute Nachbarschaft müssen noch zahllose Gespräche geführt werden. Denn für alle Flugplätze unter einem niedrigen „Deckel“ wird es in Zukunft erforderlich werden, die An- und Abflüge tiefer zu gestalten, als dies bisher üblich gewesen ist. Während bisher die Regel galt, über Land zumindest ca. 600 Meter Flughöhe zu halten, wird das nicht mehr überall möglich sein. Eine höhere Lärmbelästigung für die Menschen darunter wird die Folge sein und die Frage stellt sich: Wie gehen die Beteiligten damit um?
 
 
Auf gute Nachbarschaft. Das sagt man so und hofft, der andere werde schon verstehen, was man meine, wenn man mal unterschiedlicher Auffassung ist. Was aber, wenn nicht? Dann müssen Normen, Gesetze, dann müssen Menschen her, die darüber richten, wessen Auffassung unter welchen Bedingungen über wen obsiegt. Das betrifft alle Gesetze des menschlichen Zusammenlebens – vom Rasenmäher am Sonntagnachmittag bis zum Privatflieger, den Anwohner nach dem „Sankt-Florians-Prinzip“ womöglich am liebsten übers Nachbardorf umleiten würden. Wenn einer obsiegt, bedingt das, dass ein anderer „verliert“ – aber wer verliert schon gern? Es muss also eine „win-win“- Situation her…
 
 


 
 

Damit ist ein zweites, schwieriges Verständnisfeld verbunden:
 
Sobald einer siegt, wird ein anderer verlieren – aber wer verliert schon gern?

In der Luftfahrt gibt es die unterschiedlichsten Akteure: Flughäfen und Flugplätze arbeiten in gegenseitiger Abhängigkeit und in guter Nachbarschaft. Sie werden bevölkert vom fliegenden Personal und den Passagieren. Und von den Dienstleistern. Die arbeiten im Tower oder bei der Beladung der Flugzeuge, leisten Wartung und Erhaltung der Technik, betanken die Maschinen oder sorgen für Sicherheit. Rund um die Flughäfen und Flugplätze wohnen Menschen, denen es nicht zu verübeln ist, wenn sie wiederum ganz andere Interessen als den reibungslosen, vielleicht aber ruhestörenden Flugbetrieb haben. Auf gute Nachbarschaft. Jeder will diese „gute Nachbarschaft“ – und doch meint jeder etwas anderes. Bei den anstehenden Dialogen gilt es also, die unterschiedlichen Auffassungen zu besprechen. Ausgleich durch Diskussion und bestmögliche Argumentation heißt die Herausforderung, der sich alle stellen müssen.
 
 
Die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FFB) hat in diesen Fragen immer wieder gezeigt, dass sie auf ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis setzt. „Wir suchen stetig den offenen Dialog mit den Anwohnern im Flughafenumfeld und arbeiten eng mit Gemeinden, Vereinen und anderen Interessengruppen zusammen. Als einer der größten Arbeitsgeber in der Region sind wir uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Unser soziales Engagement zielt bewusst darauf ab, die Lebensqualität in Berlin-Brandenburg zu stärken,“ so heißt es seitens FBB, der Betreibergesellschaft der „Big Three“ – also der drei Flughäfen Tegel, Schönefeld und BER. Und weiter: „Wir haben das weltweit modernste Schallschutzprogramm, unterstützen Schulen und Vereine, ein internationales Umwelt-Workcamp junger Menschen, entwickeln landschaftliche Ausgleichsflächen und unterstützen die Wiederherstellung von historischen Parks.“ Auch solche Maßnahmen der Infrastruktur, des Umweltschutzes, der Sicherheit, können Verständnis und gute Nachbarschaft befördern. Lärmschutz wird bei den Flughäfen groß geschrieben. Nicht nur, dass leisere Maschinen gefördert werden, auch die Betriebszeiten mit ihren Nachtflugbeschränkungen sind geeignet, eine gute Nachbarschaft zu den Menschen in der Stadt und im Umland zu sichern.
 
 
Ganz entscheidend sind natürlich die Zeiten, in denen die Nachbarn eine Störung ihrer häuslichen Ruhe hinnehmen müssen. Geregelt wird die Minimierung der Reibungsflächen an dieser „Front“ durch Verordnungen und oft durch Gerichtsentscheide – am besten aber durch eigene Einsicht in die Nöte des jeweils anderen. Die Betriebszeiten der Flughäfen und Flugplätze sind also – neben dem Schallschutz, den leisestmöglichen Flugzeugen und einer funktionierenden Infrastruktur – wichtige Umstände, die eine gute Nachbarschaft gewährleisten können. In Tegel etwa gilt eine Nachtflugbeschränkung von 23.00 bis 6.00 Uhr, ausgenommen Nachtpostflugzeuge sowie genehmigungspflichtige Sonderflüge.
 
 
In Schönefeld sind reguläre Linienflüge in der Kernnachtzeit von 0.00 bis 5.00 Uhr ausgeschlossen. Zwischen 5.00 und 6.00 Uhr sowie zwischen 23.00 und 24.00 Uhr sind im Schnitt höchstens 31 Flugbewegungen erlaubt. Von 23.30 bis 24.00 Uhr und von 5.00 bis 5.30 Uhr dürfen grundsätzlich keine planmäßigen Flüge stattfinden.
 
 
Am Flughafen Berlin-Brandenburg „Willy Brandt“ soll von 6 bis 22 Uhr der reguläre Betrieb stattfinden. Von 22 bis 24 Uhr sowie zwischen 5 und 6 Uhr soll Flugbetrieb nur in begrenztem Umfang erlaubt sein. Ein Nachtflugverbot von 0 bis 5 Uhr sei akzeptabel, sagen die Fluglinien. Anwohner wollen längere „Ruhezeiten“. Der Streit darum wird auch nach Schlichtung und Entscheid durch die Gerichte nicht bei Allen zu „guter Nachbarschaft“ führen – sicher aber bei den Meisten.
 
 
Somit wird sichtbar, dass das Thema Nachbarschaft zuerst einmal durch die Gesetzgebung und durch die Vielzahl der Akteure normiert wird. Zu diesen gehören die Flughäfen selbst, aber auch alle ansässigen Firmen, Werften, Dienstleister sowie deren Mitarbeiter, also zigtausende Menschen, und natürlich die Menschen, die unter den Flugrouten leben. Also Hunderttausende. Die kommerziellen Partner unterliegen dem Druck, Gewinne zu erwirtschaften – und die Menschen wollen ihre Gehälter pünktlich erhalten. Das bedingt die möglichst umfassende Nutzung aller Kapazitäten – wenn es geht, Tag und Nacht.
 
 
Kompromisse machen – und aufeinander zugehen, einander zuhören und einander Rechte zugestehen, heißt immer auch das Gebot der Verständigung: Das ist die allerwichtigste Grundlage guter Nachbarschaft. Wie gut das in aller Regel funktioniert und wie reibungslos die Nachbarschaft oft sogar in Freundschaft und Sympathie aufgeht, wird selten Thema. Denn erst die Reibung wird von den Menschen wahrgenommen und dann als Konflikt in die Öffentlichkeit getragen.
 
 
Im Fall der Flughäfen und Flugplätze in Berlin und Brandenburg kann man jedoch sagen, dass der Dialog funktioniert. Und das ist die eigentlich gute Nachricht an alle Nachbarn.